113th Boston Marathon |
2009 |
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| Manchmal reicht schon ein winziger Satz aus, um Großes
zu bewegen. Es ist August 2008 und ich stehe nach der Berliner Citynacht
mit mit zwei Berliner Läuferinnen bei einem Glas Bier zusammen,
als eher beiläufig der entscheidende Satz fällt: "Du Jochen, wir
wollen nächstes Jahr den Boston Marathon laufen". Sofort sind bei mir sämtliche Systeme auf Scharf gestellt. Der Boston Marathon, der älteste und traditionsreichste Marathon der Welt. Fünfmal bin ich ihn schon gelaufen, auch 1996 beim hundertjährigen Jubiläum war ich dabei und ohne lange überlegen zu müssen steht für mich fest: Da will ich auch noch mal hin, warum also das Ganze nicht gemeinsam in Angriff nehmen. Allerdings gibt es da noch ein "kleines" Problem zu bewältigen, denn in Boston kann keineswegs jeder so ohne weiteres an den Start gehen. Nur wer die Qualifikationszeit erfüllt, erhält eine der begehrten Startnummern. Für meine Altersklasse bedeutet das, dass auf der Marathondistanz 3:20:59 Stunden zu unterbieten sind. Vor ein paar Jahren wäre ich diese Zeit noch nachts und besoffen mit zwei Fingern in der Nase gelaufen, aber ich habe jetzt mich gerade nach einer reichlich verkorksten Saison in etwas über 43 Minuten über die zehn Kilometer auf dem Berliner Kudamm gequält. In dieser Form bin ich meilenweit von der Quali entfernt. Aber ich habe ein Ziel für den Berlin Marathon acht Wochen später. Schon am nächsten Morgen mache ich zusammen mit Anne und Babsi einen langen Lauf durch den Grunewald. Ich will es noch einmal wissen... Das Berliner Debakel
In den folgenden Wochen komme ich meinem Vorhaben Schritt für Schritt
näher. Die Achillessehnenprobleme, die mir in der ersten Jahreshälfte
so zu schaffen gemacht haben sind überwunden und ich kann endlich wieder
vernünftig trainieren. Beim
Running Academy
Laufseminar kann ich sogar wieder zweimal am Tag laufen. Und so lassen
die Fortschritte nicht lange auf sich warten. Beim Nike Human Race in
München laufe ich mit 42:12 min Saisonbestzeit, eine Woche später
beim Düsseldorfer Kö-Lauf steigere ich mich auf 41:28 min und eine
weitere Woche später bei den deutschen Meisterschaften in Karlsruhe
gelingt mir mit 41:02 min mein schnellstes Rennen über 10 km in
diesem Jahr. Der zweite Versuch
Zwar könnte ich über einen Reiseveranstalter auch ohne Quali-Zeit
eine Startnummer bekommen, aber das kommt für mich nicht in Frage. Erstens
steht meine Läuferehre dieser Warmduscher-Variante entgegen. Und vor
allem würde es mich wesentlich mehr kosten, als das Ganze selbst zu
organisieren. |
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| Erst beim zweiten Versuch in Frankfurt klappte es mit der Boston-Quali | |||||
| Die Reiseplanung
Gleich nach dem Rennen in Frankfurt melde ich mich online für den Boston
Marathon an und zwei Tage später bekomme ich eine E-Mail aus Boston.
Meine Meldung ist akzeptiert, ich bin dabei. Nun kann ich mich an die
Reisevorbereitungen machen. Allerdings ist es gar nicht so einfach einen
günstigen Flug zu bekommen. Der hohe Ölpreis hat auch die Flugpreise
nach oben getrieben, auf ein ähnliches Schnäppchen wie den
270-Euro-Flug zum New York Marathon brauche ich diesmal wohl nicht zu hoffen.
Aber Preise über 500 Euro sind mir zu viel, ich beschließe noch
zu warten, da geht bestimmt noch was. Und in der Tat tauchen schon bald die
ersten Flüge für unter 500 Euro auf. Lange Zeit scheinen 420 Euro
ab Brüssel das Maß aller Dinge zu sein, doch ich spekuliere darauf,
dass es noch billiger geht. Und dann kommt am letzten Tag des alten Jahres
das Angebot auf das ich gewartet habe. Mit British Airways von Düsseldorf
über London-Heathrow nach Boston für 378 Euro. Und von den Flugzeiten
so günstig, dass sowohl An- als auch Abreisetag noch sinnvoll nutzbar
sind. Die Vorbereitung
Mit dem Ziel Boston Marathon vor Augen gehe ich ins Wintertraining. Es ist
ein Winter wie man ihn sich als Läufer definitiv nicht wünscht:
So kalt wie schon seit vielen Jahren nicht mehr, selbst hier im fast immer
schneefreien Rheinland gibt es die weiße Pracht diesmal in Hülle
und Fülle. Aber ich kämpfe mich durch und schaffe
Kilometerumfänge wie schon lange nicht mehr. Und als dann die
Wettkampfsaison wieder los geht, lassen die Resultate nicht auf sich warten.
Bei allen Wettkämpfen bin ich deutlich besser als im Vorjahr, laufe
in Venlo zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren wieder eine 10km-Zeit unter
40 Minuten. Nur auf der Halbmarathondistanz bleibt mir das Erfolgserlebnis
verwehrt, eine Erkältung verhindert einen Start in Berlin, frustriert
verzichte ich auf die Reise in die Hauptstadt. Immerhin habe ich noch genug
Zeit, die Erkältung wieder auszukurieren, so dass ich in Boston wieder
fit bin. |
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| Das YMCA in Boston ist das älteste in Nordamerika. Die Einrichtung ist karg, aber dafür ist es günstig. | |||||
| Vor dem Rennen
Da ich schon einen Tag früher als sonst in Boston bin, habe ich viel
Zeit für Shopping und Sightseeing. Und da noch nicht viele Läufer
die Stadt bevölkern ist überall noch wenig los, dafür ist
die Auswahl in den Geschäften noch üppig und die obligatorische
Jeans noch in der eigenen Größe vorrätig. Und weil vor einigen
Monaten die Reisefreigrenzen deutlich angehoben wurden, braucht man sich
auch keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie man die ganzen
Schnäppchen zu Hause durch den Zoll bekommt. |
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| Markenzeichen für den Boston Marathon: Das Einhorn | |||||
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| Auf der Ziellinie und mit dem viermaligen Sieger Robert Cheruiyot im Niketown | |||||
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| Mittagspause mit Fast Food | Auf der Suche nach dem richtigen Weg | ||||
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| Am Ufer des Charles River vor der Skyline von Boston | Wenn das Training alleine nicht reicht... | ||||
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| Downtown Boston vom Wasser aus gesehen | Pasta Party | ||||
| Der Renntag
Seitdem in Boston die traditionelle Startzeit von zwölf auf zehn Uhr
vorverlegt wurde, sind auch hier Frühaufsteher klar im Vorteil.
Schließlich fahren die Schulbusse, die die Läufer zum Start nach
Hopkinton bringen schon ab 6:30 Uhr von Boston aus los. Schon am Abend vor
dem Lauf lege ich mir meine Ausrüstung zurecht, um am nächsten
Morgen nichts zu vegessen. Übrigens habe ich bisher bei all meinen
Läufen in Boston etwas Blaues angehabt und auch in diesem Jahr laufe
ich wieder in einem blauen Outfit. Meine Schuhwahl für die 42,195 km
ist der Nike Air Katana Star. Er fällt etwas größer aus,
als der Nike Air Zoom Marathoner, mit dem ich in Frankfurt gelaufen bin.
Das sollte beim Bergablaufen die sicherere Variante sein. |
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| Die Ausrüstung für das Rennen | |||||
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| Schulbusse bringen die Läufer zum Start | Vor der Abfahrt nach Hopkinton | ||||
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| Mit Polizeieskorte über den Highway | Eingang zum Athletes Village | ||||
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| Berliner Trio | Kurz vor dem Start | ||||
| Das Rennen Ich starte diesmal aus Block 8, d.h. es stehen rund 7000 Läufer vor mir. Erst kurz vor dem Startschuss schaffe ich es überhaupt in den Block zu kommen, weil ich vorher verzweifelt auf der Suche nach einem Platz bin, an dem ich überschüssige Flüssigkeit los werden kann. Vor den Dixi-Häuschen stehen die Schlangen so lang, dass man glauben könnte, für den Besuch würde man mit Geld belohnt. Den naheliegenden Ausflug in die freie Natur weiß die Polizei mit massiver Präsenz zu verhindern. Ich finde aber doch noch ein ruhiges Plätzchen und bevor die Ordnungsmacht einschreiten kann bin ich schon wieder weg. Nach dem Startschuss dauert es rund fünf Minuten bis ich die Startlinie überqueren kann. Danach setzt sich das Feld erstaunlich gut in Bewegung, hier macht es sich bezahlt dass die Läufer so genau nach ihren Qualifikationszeiten aufgestellt sind. Meine ersten Kilometer sind etwas langsamer als geplant, fallen dafür aber auch sehr leicht. Ich verzichte aber darauf, mehr Gas zu geben, schließlich weiß ich was mich auf der zweiten Hälfte erwartet. Und der Rennverlauf von 2006 ist noch drohend in meinem Gehirn gespeichert und so etwas möchte ich nicht noch einmal erleben.
Die 5km-Marke erreiche ich nach 23:26 Minuten, auf dem folgenden 5km-Abschnitt
bin ich zwei Sekunde schneller. Nicht schlecht, mein Zeitgefühl und
das bei der profilierten Strecke. Die Beine fühlen sich noch locker
an, nur der kräftige Gegenwind nervt. Gigantisch wie immer ist die Stimmung
an der Strecke, mit dem Höhepunkt am Wellesley College. Kurz danach
erreiche ich die Halbmarathonmarke, mit 1:39:25 Stunden bin ich noch auf
Kurs 3:20 unterwegs. Allerdings liegt die deutlich schwerere Hälfte
des Rennens noch vor mir. |
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| Spätestens bei km 25 ist dann Schluss mit Lustig, die Läufer erreichen Newton und damit den hügeligen Teil der Strecke. 2006 musste ich hier meine erste Gehpause einlegen, diesmal fühle ich mich noch gut, als ich die erste der nun folgenden Steigungen in Angriff nehme. Für die Stärkung am Powergel-Stand bin ich trotzdem dankbar, ich erwische sogar meine Lieblingssorte. Kurz danach sehe ich am Streckenrand eine deutsche Flagge und daneben das Banner eines bekannten deutschen Marathon-Reiseveranstalters. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, bei dem Gedanken, dass die Kunden dieses Anbieters für diese Unterstützung mindestens doppelt so viel für ihre Reise bezahlt haben wie ich. Und dann kommt er, der legendäre Heartbreak Hill. Auch wenn ich mein Anfangstempo nun nicht mehr halten kann, ist es kein Vergleich zu 2006, als ich den kompletten Anstieg gehend zurücklegte. Spätestens jetzt macht sich der deutlich höhere Trainingsumfang positiv bemerkbar. Aber obwohl ich über die gesamte Distanz keinen echten Einbruch erlebe, werde ich auf den letzten Kilometern doch deutlich langsamer und von vielen Läufern überholt. Vielleicht hätte ich meine langen Läufe doch etwas schneller laufen sollen.
Aber es wird auf jeden Fall noch eine Zeit unter 3:30, das ist mir klar als ich auf die lange Zielgerade auf der Boylston Street einbiege. Ich genieße die letzten Meter bis zur Ziellinie, die ich nach 3:28:09 Stunden überquere, sieben Minuten schneller als 2006. Im Gesamtklassement belege ich Platz 6690, in meiner Altersklasse Platz 1158. Damit lasse ich sogar noch zwei ehemalige Boston Marathon Sieger hinter mir: Den Japaner Keizo Yamada, der das Rennen 1953 gewinnen konnte und den Lokalhelden Bill Rodgers der zwischen 1975 und 1980 viermal erfolgreich war. Anne, Babsi und Angela, die letztes Jahr in Berlin alle vor mir ins Ziel gekommen sind, lassen sich diesmal etwas mehr Zeit und laufen gemeinsam nach 3:46:53 Stunden ins Ziel.
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| Abgekämpft, aber glücklich | |||||
Fazit
Ich habe es tatsächlich geschafft, mich noch einmal für den Boston
Marathon zu qualifizieren und das Rennen zu laufen. Das hätte ich letztes
Jahr um diese Zeit kaum zu hoffen gewagt und so war es mir auch egal, dass
ich am Ende etwas langsamer war als geplant. Aber das Erlebnis unterwegs
war einfach wieder gigantisch, alleine dafür hat es sich mehr als
gelohnt. |
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Meine Zwischenzeiten
5 km |
10 km |
15 km |
20 km |
Halbm. |
25 km |
30 km |
35 km |
40 km |
Ziel |
23:26 |
46:50 |
1:10:25 |
1:34:13 |
1:39:25 |
1:58:20 |
2:23:34 |
2:49:52 |
3:16:29 |
3:28:09 |